50 Jahre Sachsenring Automobilwerke Zwickau (1958-2008)

 
Der VEB Sachsenring Automobilwerke Zwickau wurde am 1. Mai 1958 durch den Zusammenschluss zweier Traditionsbetriebe gegründet

img001big Der Zusammenschluss der beiden Zwickauer Traditionsbetriebe, des "VEB Sachsenring Kraftfahrzeug- und Motorenwerke" (vormals Horch-Werke) und des "VEB Automobilwerk AWZ Zwickau" (vormals Audi-Werke) zum "VEB Sachsenring Automobilwerke Zwickau", erfolgte symbolträchtig am 1. Mai 1958. Mit der Vereinigung der beiden Unternehmen wurde eine wesentliche Voraussetzung zur Großserienfertigung des Pkw Trabant geschaffen. (Bild rechts: P 50 BJ 1958 - Ausstellungsstück im August-Horch-Museum Zwickau. Foto: AHM Zwickau)

img002big Der erste Kleinwagen vom Typ "AWZ P 50" (später "Trabant P 50") war bereits am 7. November 1957, als Vorserienfahrzeug beim VEB Automobilwerk AWZ Zwickau vom Band gelaufen. Die serienmäßige Produktion des Trabants begann 1958 beim VEB Sachsenring Automobilwerke Zwickau. Das weltweit erste Serienkraftfahrzeug mit Duroplastbeplankung und seinen Modifizierungen (P 50, P 50/1, P 50/2, P 60, P 601 und T 1.1) wurde in einer Stückzahl von über drei Millionen gefertigt. (Bild links: 21. November 1973, der einmillionste Trabant wird gefeiert, jetzt ist er ausgestellt im August-Horch-Museum Zwickau. Foto: AHM Zwickau)

img003big Mit dem Fall der Mauer 1989 war auch das baldige Ende des "Volkswagens"-Ost besiegelte. Am 25. Juli 1990 lief der letzte Trabant des Typs P 601 vom Band. Beim VEB Sachsenring Automobilwerke Zwickau, im letzten Jahr seines Bestehens als "GmbH", nahm die Nachfrage so rapide ab, dass das Unternehmen in Liquidation ging. (Bild rechts: Kübelwagen Caro-Tramp 110 BJ 1991. Foto: privat.)

img004big Auch die 1991er Auflage des 1.1er Trabant-Kübelwagens im Funcar-Design als "Caro-Tramp 110", in Zusammenarbeit mit der IVM Engineering Neckarsulm GmbH, verhinderte den Absturz nicht. Mit dem am 30. April 1991 um 14.51 Uhr gefertigten Trabant 1.1 verließ nach 34 Jahren der allerletzte Trabant mit der Fertigungsnummer "3.096.099" das Werk. Eine große Fahrzeugära ging damit zu Ende. (Bild links: Der allerletzte Trabant verlässt das Werk. Foto: dpa)

1993 wurde die Sachsenring Automobilwerke Zwickau GmbH i.L. von Investoren aus Nordrhein-Westfalen gekauft und zu einem Automobilzulieferer, der späteren Sachsenring Automobiltechnik GmbH, umgebaut. Neue Wege? Neue Fahrzeuge? Ja, zum Beispiel der "Sachsenring uni1" E/TDI, ein geräumiger Hybrid-Van (Siebensitzer), wurde von der Sachsenring Automobiltechnik GmbH in nur zweieinhalb Jahren entwickelt und 1996 vorgestellt. Zu diesem Zeitpunkt waren die Begriffe "Hybrid" und "Van" der breiten Masse noch unbekannt. Das innovative Fahrzeug, das neben seinem serienmäßigen 1,9-Liter-TDI-Motor zusätzlich noch einen Elektromotor an Bord hatte, sollte ab 1998 als Großraum-Limousine und als Kleintransporter auf den Markt gebracht werden.

img005big 1997 erfolgte ein erfolgsversprechender Börsengang und die damit verbundene Wandlung zu einer "AG" (Aktiengesellschaft). Die Sachsenring Automobiltechnik AG galt zu diesem Zeitpunkt als besonderes Vorbild für den erfolgreichen Umbau eines ostdeutschen Traditionsunternehmens. Die Firma baute Türen für Audi, belieferte BMW, Jaguar, Opel und fertigte Fahrerhäuser für Lastwagen von Mercedes-Benz. Und der innovative "Van" von Sachsenring? Er blieb aus. Dafür brachten Volkswagen und Ford, wenn auch nicht als Hybrid, dennoch sehr erfolgreich "ihre" Van's auf den Markt. (Bild rechts: Hybrid-Van "Sachsenring uni1" E/TDI auf der AMI 1997 in Leipzig. Foto: privat)

Der Erfolg ebbte ab. Im Frühjahr 2002 musste die Sachsenring Automobiltechnik AG mit damals noch 850 Mitarbeitern Insolvenz anmelden, wurde später zerschlagen und stückchenweise verkauft. Dem Topmanagement wurden schwerwiegende strategische Fehlentscheidungen vorgeworfen, welche außerdem zu einem Streit mit der Politik des Freistaates Sachsen führte und den Autozulieferer zusätzlich lähmte. Der einstige Kern von Sachsenring gehört heute zur HQM-Gruppe (Härterei und Qualitätsmanagement GmbH). Das Leipziger Unternehmen ist als Autozulieferer und in der Metallbearbeitung tätig. Bei ihrer Tochter, der HQM Sachsenring GmbH, in Zwickau arbeiten heute rund 300 Menschen und fertigen Karosserieteile und Achskomponenten.

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"Trabant. Die letzten Tage der Produktion" - Martin Roemers Bildband erzählt auf berührende Weise ...

img006big Martin Roemers Bildband "Trabant. Die letzten Tage der Produktion" erzählt auf berührende Weise davon - und liefert darüber hinaus ein glänzendes Beispiel dafür, welche Kraft sozialdokumentarische Fotografie noch heute haben kann. Dass Roemers mit seiner einerseits an Sander, andererseits aber auch an den Vertretern der französischen Photographie humaniste geschulten Alltagsfotografie in schwarzweiß heute beinahe alleine dasteht, macht sein OEuvre nur interessanter. (Bild rechts: Die letzten Tage sind angebrochen. Foto: Martin Roemers)

img007big Im April 1991 war es schließlich soweit: Der letzte Trabant verließ das Werk. Kurz danach ging die Sachsenring Automobilwerke Zwickau GmbH in Liquidation. Sie wurde abgewickelt, die Belegschaften zerschlagen, eine Lebenswelt wurde Vergangenheit. Doch dieses Danach ist schon nicht mehr das Thema der faszinierenden Fotoreportage des 1962 geborenen niederländischen Fotografen Martin Roemers. Seine jetzt als Fotobuch im Wasmuth-Verlag veröffentlichte Serie "Trabant" zeigt ausschließlich das Davor: Momente kurz vor der Stilllegung, die letzten Tage und Wochen im Betrieb, die Arbeiterinnen und Arbeiter im Werk. (Bild links: Im Karosseriebau. Foto: Martin Roemers)

Pathetisch könnte man sagen: Roemers ist es gelungen, einen Epilog auf eine mittlerweile verschwundene, sozialistische Industriekultur in Schwarzweißfotografien zu gießen. Die letzten Sekunden einer langen Geschichte seit Beginn der Autoproduktion vor 50 Jahren, im Jahr 1957. Eine Geschichte, die heute Erinnerung ist. Das ist die eine Seite. Doch die zwischen 1990 und 1992 entstandene Fotoreportage ist nicht nur ein Rufer aus der Vergangenheit: Weil sie nicht die Produktionsbedingungen, sondern den Menschen selbst ins Zentrum rückt, gewinnt sie an Aktualität.

Roemers zeigt die Mitarbeiter auf verschiedenste Weise. Da gibt es klassische Porträts, auf denen die Fotografierten ihre Werkzeuge präsentieren, mit großer Selbstverständlichkeit, manche mit Stolz in die Kamera blicken. Montagearbeiter, Lackierer, Schweißer, die Pförtnerin, die Mitarbeiterin der Kantine, allesamt Nachfahren der "Menschen des 20. Jahrhunderts" von August Sander. Menschen, die im Zentrum der Gesellschaft stehen und fotografisch als deren Querschnitt erscheinen. Eine zweite Gruppe zeigt den Produktionszusammenhang: die Werkshallen, die Pausenräume, die Fließbänder, die Duroplast-Karosseriefertigung, das Teilelager, die Umkleideräume, die Fertigmontage. Bilder von Industrie-Räumen, die beseelt sind durch die Menschen, die hier arbeiten.

img008big Auf den letzten Buchseiten zeigt der Fotograf das Ende der Sachsenring Automobilwerke Zwickau: Ausgeschlachtete Trabants warten hier auf ihre Verschrottung. Ein Arbeiter kehrt den Hof, zerschlagene Fensterscheiben, Automobil-Leichen, die schon längst Anachronismus geworden sind. Die letzte Schwarzweißfotografie des Bandes ist in ihrer Symbolik schon zu offensichtlich: Im Vordergrund stehen zwei alte, ausgeweidete Trabants, im Hintergrund rollt ein Zug mit neuen VW Golfs, die Volkswagen schon seit 1991 in Zwickau montieren ließ. (Bild rechts: Im Hintergrund rollt ein Zug mit neuen VW Golfs. Foto: Martin Roemers)

Über drei Millionen Fahrzeuge der "Trabant"-Baureihe wurden in der DDR produziert. Heute fahren etwa noch 50.000, von den Besitzern gehegt und gepflegt: ein minimalistisches Zweizylinder-Auto mit einer Haut aus Duroplast, das seit den 50er Jahren in technischer Hinsicht nur marginal weiterentwickelt wurde. Auch die letzte Baureihe, der 1990 bis 1991 produzierte Trabant 1.1, eine Version mit nachgebautem VW-Polo-Viertaktmotor, konnte den Niedergang des ostdeutschen Volks-Autos nicht aufhalten: Am 30. April 1991 endete die Trabant-Produktion. Bald säumten Trabant-Wracks ostdeutsche Straßen.

Doch der Ruf nach einem neuen Trabant ...

img009big Doch der Ruf nach einem neuen Trabant wird immer lauter. Jüngst stellte die fränkische Modellbaufirma Herpa auf der IAA ein Modell des "newTrabi" vor, das in den kommenden zwei Jahren marktreif sein soll.

Die technische Basis, so Herpa, soll BMW liefern. Der Entwurf jedenfalls, der die Bulligkeit des Chrysler 300 Touring zitiert und diese mit dem 50er-Jahre-Charme des Original-Trabants verbindet, könnte Nostalgikern wie Design-Futuristen gleichermaßen gefallen. (Bild rechts: Der neue Trabant "newTrabi" von Herpa. Foto: Herpa)

Von solchen Ideen, ein neues "Retro-Car" zu lancieren, war man 1991 noch weit entfernt, als der letzte Trabant das Werk verließ. Auf einer der Fotografien steht ein Arbeiter neben seinem Kollegen und sieht diesem beim Verschleifen von Schweißnähten zu. In seinem Blick ist Ruhe, Nachdenklichkeit, Melancholie und auch das Wissen, dass sich etwas verändern wird. Das Wissen um eine Gegenwart, die bald Vergangenheit ist.

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(Quellen: August-Horch-Museum Zwickau, Deutsche Presseagentur (dpa), Herpa Modellbau, Trabant Team Freital e.V. Achtung! Alle Angaben sind ohne Gewähr! Für Fehler und den aus deren Nutzung resultierenden Schäden übernehmen wir keine Haftung. Die kommerzielle Nutzung ist ausdrücklich untersagt.)


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